1. wilfried-ehrmann.com
  2. Pränataltherapie mit Hilfe des Atems

Pränataltherapie mit Hilfe des Atems

Atemarbeit bei der Heilung pränataler Themen

Unseren ersten richtigen Atemzug haben wir unmittelbar nach unserer Geburt genommen. Wenn wir mit dem bewussten Atmen arbeiten: Warum sollten dabei Themen auftauchen, die mit vorgeburtlichen Erfahrungen zu tun haben, obwohl sie in Momenten geprägt wurden, in denen die Atmung noch keine Rolle spielte? Die zweite Frage, die ich in diesem Artikel erörtern möchte: Wie kann das bewusste Atmen bei der Heilung von solchen frühen Themen hilfreich sein?

In meiner Arbeit mit KlientInnen merke ich, wie viele Probleme und Störungen auf Traumatisierungen zurückgehen, die vor der Geburt liegen. Wir können uns Traumatisierungen wie Ketten vorstellen, an denen sich nach einer ursprünglichen traumatischen Erfahrung Wiederholung auf Wiederholung aufreiht. Eine einmal erlebte Schrecksekunde wird in ähnlichen Situationen später wieder erinnert, aber nicht mit allen Details, sondern nur mit den damals gebildeten Empfindungsmustern und Gefühlsreaktionen. Solche Wiederholungsereignisse nennen wir Retraumatisierungen.

Das oberste Glied dieser Kette ist eine aktuelle Erfahrung, in der wir unangenehme Symptome oder Gefühle wahrnehmen, ohne dass sie dem äußeren Anlass angemessen wären. Wir ärgern uns maßlos über etwas, was uns einige Zeit später wie eine Lappalie erscheint. Wir kriegen eine diffuse Angst und wissen nicht, warum. Wir reagieren abweisend auf einen Menschen, ohne dass es dafür einen äußeren Anlass gibt.

Wenn wir zur ersten und ursprünglichen Traumaerfahrung dieser Kette zurückfinden, und nur, wenn wir wirklich zu ihr und nicht zu einer späteren Retraumatisierung zurückfinden, kommt es zur tiefgreifenden Heilung, die die wiederkehrenden Symptome und Gefühle zum Verschwinden bringt. Deshalb müssen wir oft zurück in die pränatale Zeit, wenn wir ein Problem an der Wurzel anpacken wollen.
 
In der vorgeburtlichen Phase finden sich besonders viele schwerwiegende Ereignisse. Denn je weniger ein Organismus entwickelt ist, desto gefährdeter ist sein Überleben in jeder schwierigen Situation. Es stehen noch ganz weniger Strategien zur Verfügung, um mit Bedrohungen umzugehen. Der bekannte Kampf-Flucht-Mechanismus als Reaktionsmuster des sympathischen Nervensystems bei Bedrohungen setzt einen Organismus voraus, der selbstständig handeln und sich frei bewegen kann. Dem Embryo bleibt nur der Rückzug ganz nach Innen durch das Zusammenziehen des Gewebes und das Umschalten auf Notprogramme mit einer energetischen Mindestversorgung, wenn die Umwelt das eigene Überleben bedroht.  

Außerdem reagiert der Embryo als winziges und recht unstabiles Wesen besonders empfindlich auf die verschiedensten störenden Einflüsse von innen und von außen. „Kleinigkeiten“ aus der Sicht der Großen, wie ein Sturz der Mutter oder ein Streit mit dem Vater, können vom kleinen Embryo wie Katastrophen erlebt werden.

Die zelluläre Gedächtnistheorie

Der Atem ist bei der Heilungsarbeit immer eine wichtige Unterstützung und Hilfe, und das in zweierlei Weise. Wir können nach vielen klinischen Erfahrungen davon ausgehen, dass das bewusste Einlassen auf den Atem Erinnerungen wecken kann, die weit hinter die Geburt zurückreichen. Offenbar öffnet sich während des intensivierten Atmens das „zelluläre Gedächtnis“. Es gibt Erinnerungen aus den frühesten Stadien unserer Entwicklung frei. Es werden also die Erinnerungen zugänglich, die nicht (oder nicht hauptsächlich) in der Großhirnrinde gespeichert und kodiert sind, Aus der Gedächtnisforschung wissen wir, dass ein großer Teil unserer Erinnerungen, vor allem die Angstkonditionierungen, in nicht bewusstseinsfähigen Bereichen des Gehirns abgelegt sind.

Diese Formen der Erinnerungsspeicherung scheinen mit dem Zellgedächtnis zu korrespondieren. Wir können uns das so vorstellen, dass Erinnerungen, die z.B. die gerade erst befruchtete Eizelle gespeichert hat – und auch einzellige Lebewesen müssen Erinnerungen speichern, sonst wären sie nicht überlebensfähig –, mit den folgenden Zellteilungen weitergegeben werden, sodass alle Zellen des sich entwickelnden Organismus über diese Informationen verfügen. Möglicherweise findet diese Weitergabe selektiv statt, dass also nicht jede neue Zelle solche Informationen in gleicher Stärke abspeichert. Das würde erklären, warum bei der Innenerforschung bestimmte frühe Angsterfahrungen in bestimmten Bereichen des erwachsenen Körpers als Empfindungsmuster (z.B. Zusammenziehen, Druck, Anspannung) spürbar sind und in anderen nicht.

In meinem Blogartikel über die Epigenetik finden sich wissenschaftliche Nachweise zum Zellgedächtnis. Diese immer wichtiger werdende Forschungsrichtung der Biologie setzt die Annahme voraus, dass Zellen Erinnerungen speichern können. Sie hat auch schon Licht in die Vorgänge geworfen, wie die Informationsspeicherung und Informationsweitergabe auf Zellebene erfolgt.

Die evokative Funktion der Atmung

Wie wirkt das Einlassen auf das bewusste Atmen auf die Öffnung des Zellgedächtnisses? Es könnte sein, dass die besondere Erinnerungsfähigkeit und Zugänglichkeit des zellulären Gedächtnisses, wie wir sie während eines Atemprozesses erleben können, mit dem vertieften, tranceartigen Entspannungszustand zu tun hat, der durch die Wendung nach Innen beim bewussten Atmen entsteht. Möglich wäre auch, dass die Erinnerungen durch Stoffwechselveränderungen im Körper, wie sie infolge der Intensivierung der Atmung auftreten, freigegeben werden. Da wir diese Vorgänge mit unserem Bewusstsein begleiten, kann es zu einem Zusammenwirken verschiedener Speichersysteme kommen, sodass Empfindungskomplexe, die relativ amorph und vieldeutig auf der Körperebene spürbar werden, ihren Bedeutungsgehalt, der auf die frühe Traumatisierung hinweist, preisgeben können. Dieser Bedeutungsgehalt zeigt sich manchmal in Form von Bildern oder von erspürten „Ahnungen“ oder einer anderen Form des intuitiven Wissens.

Eine andere Erklärung geht davon aus, dass starke Stressbelastungen der Mutter eine Reduzierung der Sauerstoffzufuhr zum Embryo bewirken. Dadurch entsteht bei dem ungeborenen Leben ein Stress, der zu Überlebensangst führen kann. Dieser Zusammenhang, der auch wissenschaftlich nachgewiesen ist, kann aktiviert werden, wenn in einer Atemsitzung das Atmen ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Da die Atmung der Nachfolger der Nabelschnur für die Sauerstoffversorgung ist, kann über die Atmung die Erinnerung an eine traumatische Situation mit Sauerstoffmangel wachgerufen werden.

Wir sind hier im Bereich der Vermutungen mangels sicheren Wissens, weil diese Zusammenhänge m.W. noch keine übergreifende theoretische Erklärung gefunden haben. Vielleicht spielen all diese und/oder auch andere Umstände, von denen wir nichts wissen, zusammen, um die oft erstaunlich tiefen Einsichten beim bewussten Atmen zu ermöglichen.

Sicher können wir immer wieder die Tatsache feststellen, dass im Rahmen eines Atemprozesses solche Erfahrungen in einer mehrdimensionalen Gestalt auftauchen. Wer sich selbst auf den vertieften Atem und seine Kraft eingelassen hat, kennt solche Erlebnisse aus der eigenen Erfahrung. Zahlreiche sehr unterschiedliche Befunde und detailreiche Schilderungen dazu können in der gesamten Literatur über das bewusste Atmen nachgelesen werden. Insbesondere in den Büchern von Stanislav Grof finden sich ausführliche Fallgeschichten.

Die metaphorische Funktion der Atmung

Das ist die eine, die evokative Seite, an der wir erkennen können, wie uns der Atem hilft, in die Tiefen unserer Seele zu steigen. Es steht uns aber das bewusste Atmen nun nicht nur für das Wachrufen der Erinnerungen zur Verfügung, sondern auch für die Integration der Themen, die aus Schichten unserer Lebensgeschichte aufsteigen, die weit vor der bewussten Erinnerung liegen.

Dazu nutzen wir die metaphorische Kraft der Atmung. Die Atmung ist der Stoffwechselprozess, der uns am nächsten liegt, weil er einerseits permanent aktiviert ist und andererseits jederzeit bewusst wahrgenommen werden kann. Wir erleben im Atemprozess die Selbstorganisation unseres Körpers, oder, aus einer noch weiteren Perspektive betrachtet, den Fluss des Lebens selbst, der durch uns hindurch wirksam ist. Wir erleben, dass wir lebendig sind und dass es diese Lebenskraft ist, die uns leben lässt.

Wenn wir mit unangenehmen und belastenden Erfahrungen in unserem Leben zu tun haben, hilft es immer, dass wir uns auf den Atem besinnen, der uns darauf aufmerksam macht, dass das Leben weitergeht, wie schlimm auch immer die momentane Situation gerade ist. Wir erkennen, dass es eine Lebenskraft gibt, die weiterwirkt, während wir gerade in irgendein Drama verstrickt sind. Diese Kraft bewegt uns weiter, ob wir sie wahrnehmen und anerkennen oder nicht. Sie ist bei uns, wenn wir in das Drama hinein gehen, und sie ist bei uns, wenn wir wieder heraus finden. Der Atem fließt bei diesen Wellenbewegungen immer mit. Damit kann die Atmung als Symbolträger für die Lebenskraft dienen, die stärker ist als unser Bewusstsein und die mächtiger ist als die Kontrolle, die wir gerne über unser Leben ausüben wollen.

Vertrauen ins Leben heißt nichts anderes, als anzuerkennen, dass es diese Kraft ist, die unser Leben trägt und weiterführt, unbeschadet der Turbulenzen und Verwerfungen, an denen wir leiden. Wie heißt es im Arabischen: „Der Hund bellt und die Karawane zieht weiter.“ Alles Furchtbare und Schreckliche hat seinen Platz in diesem Geschehen und ist Teil dieser Karawane, die sich aber davon nicht aufhalten lässt. Der Zug der Karawane durch die Wüste steht für das Fließen der Lebenskraft, das sich im Selbstvollzug des Organismus zeigt, wie wir ihn an unserer Atmung in jedem Moment wahrnehmen können.

Die symbolische Heilkraft der Atmung

Wenn wir diese Symbolkraft, die in der Atmung liegt, mit in die pränatale Heilungsarbeit nehmen, hilft sie, auch dort zum Lebensvertrauen rückzubinden, während Gefühle der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Leere, Ohnmacht und Verletzung auftauchen können. „Spür in deiner Atmung, wie dich die Kraft des Lebens trägt, mit all den Gefühlen, die jetzt da sind.“ So kann die Begleiterin auf die Vertrauen schenkende Kraft des Lebensstromes aufmerksam machen, bis sich die angstvollen und belastenden Gefühle aufgelöst haben und einem vertieften Vertrauen, verbunden mit innerer Sicherheit, Platz gemacht haben.

Beispielsweise ist der Atem eine unverzichtbare Hilfe bei der Arbeit mit einem verlo-renen Zwilling (damit ist gemeint: Ein Zwillingsgeschwister ist im Lauf der Schwangerschaft gestorben). Wenn der Klient in der Innenerfahrung zu dem Moment zurückgelangt, in dem dieser erste Gefährte im eigenen Leben zu leben aufhört, kann er sehr tiefe und intensive Gefühle des Schmerzes und der Verzweiflung durchleben, die scheinbar kein Ende finden, so massiv ist das Gefühl des Verlustes und des Unverständnisses. Die Begleiterin wird dabei ermutigen, alle Gefühle anzunehmen, wie schlimm sie auch immer seien, und zugleich den Atemfluss zu spüren, der durch die Erfahrung hindurchführt, als beständige Kraft des Lebens. Irgendwann wird dem Erforscher dann deutlich, dass es dieses Leben ist, das jedes auch noch so schwere Schicksal zumisst – dem einen den frühen Abschied, dem anderen das Weiterleben mit einem viel späteren Tod. Mit dem Annehmen der größeren Macht, die die Schicksale ohne unser Zutun verteilt, wird es leichter, die Schuldgefühle loszulassen, die mit dem Weiterleben angesichts des Todes des engsten Gefährten verbunden sind.

Das Vertrauen in das Leben stellt sich wieder her, vertieft und bereichert durch die neue Dimension, die besagt, dass Leben beständiges Geben und Nehmen ist, Geben und Nehmen von individuellem Leben, ein Geben und Nehmen von Lebensmöglichkeiten. Wie in jedem Atemzug: Geben des Eigenen und Nehmen des Anderen, ein ständiger, ununterbrochener Prozess, der jedes einzelne Leben umfasst und überschreitet.

Ein neues Verständnis von Trauma

Wir erleben unseren Entwicklungsprozess immer wieder auf zwei Ebenen, die auf unterschiedliche Weise unserem Bewusstsein zugänglich sind. Die eine Ebene stammt aus der individuellen Erfahrung, die andere aus der Erfahrung des Verbundenseins oder des Lebensstroms. Wenn wir z.B. die erste Zellteilung (vgl. ATMAN-Zeitung 3/2011) erforschen, ist diese Erfahrung häufig auf der individuellen Ebene mit Unsicherheit und Angst verbunden: Was passiert, wenn ich die Einheit verliere und es plötzlich zwei Individuen gibt – werde ich diese Erfahrung unbeschadet überstehen, usw. Auf der Ebene der Verbundenheit wirkt die Weisheit der Natur (Gaia), die besagt, dass alles gut gehen wird, dass dieser Prozess schon unzählige Male erfolgreich durchlaufen wurde und dass auch diesmal für alles gesorgt ist, was notwendig ist, um diese Schwierigkeit zu meistern.
 
Die Abspaltung, die bei einem Trauma passiert, bewirkt, dass das individuelle Be-wusstsein die Verbindung zum größeren Bewusstsein verliert, weil die belastenden und überfordernden Umstände in der neuen Erfahrung die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das individuelle Bewusstsein isoliert sich und bleibt mit seinen überwältigenden Ängsten übrig. Die Dissoziation, die in der Traumatisierung erfolgt, zeigt sich in der Spaltung zwischen den beiden Erfahrungsebenen, bzw. im Verlust der Anbindung an das Ganze und an die höhere Weisheit. Unser Bewusstsein zieht sich zurück in einen eingeschränkten Teilaspekt unserer Lebendigkeit. Dort befinden sich die Ängste und Schmerzen. Diese isolierten Erfahrungsstücke können nicht in die Vergangenheit verabschiedet werden, weil sie unintegriert, d.h. ohne Anbindung an den größeren Lebensstrom, bestehen bleiben. Gerade deshalb werden sie immer wieder aktiviert und sorgen dafür, dass die Abspaltung vom Lebensstrom bestehen bleibt oder wiederhergestellt wird, wenn wir einmal die befreiende Erfahrung machen, wie es ist, mit dem Lebensstrom eins zu sein.

In der Bearbeitung eines Traumas bringen wir die beiden Seiten wieder zusammen. Wenn wir dafür den Atem nutzen, dient der Atemfluss als Repräsentant und Verkörperung der höheren Weisheit und des größeren Bewusstseins. Die Weisheit des Lebens wirkt in allen Körpervorgängen, aber über die Atmung haben wir eine direkte Erfahrung von ihr, die wir jederzeit aktivieren können und mit der wir uns jederzeit verbinden können. Im Prozess der Heilung eines Traumas, der die abgespaltene Erfahrung wieder ins Gesamtbewusstsein einbettet, unterstützt die Wahrnehmung des fließenden Atems diesen Integrationsvorgang.
 
Das Trauma kann als geheilt betrachtet werden, wenn die Bewusstheit vom Strom des Lebensflusses nicht mehr durch die Erinnerung an die traumatisierende Situation unterbrochen und geschwächt werden kann, wenn also der Atem ruhig und entspannt fließt, während die Erinnerung zurück an den Traumamoment geht.

Primäre und sekundäre Gefühle

Die Reaktionen des pränatalen Organismus auf den Traumamoment, die physiologischen Prozesse des Zusammenziehens und sich ganz nach innen Zurückziehens, werden mit den Gefühlen von Angst und Schmerz in Verbindung gebracht, sobald sich die entsprechenden Systeme des Nervensystems und des Gehirns gebildet haben. Da sie der gefühlsmäßige Ausdruck der ganz frühen Traumaempfindungen sind, können wir sie als primäre Gefühle bezeichnen. Diese Gefühle enthalten immer eine Komponente von Angst und sind häufig mit tiefer Traurigkeit verbunden. Auf Zorn hingegen treffen wir seltener bei der Erforschung der primären Gefühlsschichten im pränatalen Bereichs.

Die belastende Erfahrung kann integriert werden, wenn genügend Ressourcen zur Verfügung stehen und genügend spannungsfreie Zeit zur Regeneration nach dem Schock gegeben ist. Damit können die Schockempfindungen ausbalanciert werden, sodass der Organismus wieder in einen Ruhe- oder Wachstumszustand zurückfinden kann. Sobald die Möglichkeit zu Gefühlsreaktionen entwickelt ist, müssen die primären Gefühle, wie sie als Reaktion auf die Erfahrung  auftreten, zugelassen, ausgelebt und durchlebt werden. Dann erst stellt sich wieder ein innerer Gleichgewichtszustand her und die schlimme Erfahrung wird verarbeitet und kann vergessen werden.

Geschieht das nicht, findet also eine Traumatisierung statt, die im Unbewussten abgespeichert wird, entwickeln sich sekundäre Gefühle. Sie dienen uns dazu, die primären Gefühle, weil sie für uns zu heftig sind und an die Traumasituation erinnern, nicht spüren zu müssen. Sie schützen uns also vor den primären Gefühlen, die die Verarbeitung der Erfahrung leisten könnten. Sekundäre Gefühle sind gekennzeichnet durch geringere Intensität und längere Dauer. Sie erscheinen deshalb weniger bedrohlich. Sie wirken bei der Entstehung von Stimmungen mit und sorgen für eine innere Dauerspannung, also eine latente permanente Aktivierung des sympathischen Nervensystems. So werden aus Gefühlen von Traurigkeit und Schmerz Depressionen und aus konkreten Ängsten Zustände von Dauernervosität oder neurotische Ängste.

Sobald das Gehirn zum Denken fähig ist, verbinden sich die sekundären Gefühle mit Denkmustern. Diese bilden das spezifische  Erregungsmuster der sekundären Gefühle als selbstabwertende oder lebensfeindliche Verallgemeinerungen ab: „Ich bin wertlos“, „Das Leben ist gegen mich“ usw. Damit entstehen selbststabilisierende Regelkreise, mit deren Hilfe die ursprüngliche Traumasituation abgeschirmt wird und weiter im Unbewussten schlummern kann.  Das kann so weit gehen, dass Ereignisse aus der eigenen Lebensgeschichte aus einem Alter, in dem das Gedächtnis voll entwickelt ist, völlig aus der Erinnerung ausgelöscht sind. Erst recht und noch viel tiefer verdrängt sind die Erfahrungen aus der pränatalen Zeit, in der es noch kein funktionierendes kognitives (deklaratives) Gedächtnis gibt, sondern nur das Zellgedächtnis, dessen Speicherfähigkeit Empfindungs- und Gefühlsmuster, aber keine konkreten Details und keine Zeitabläufe aufnehmen kann.

Wir haben damit eine Hierarchie von Schutzmechanismen, die sich um die traumatische Erfahrung herum wie Hüllen oder Panzerungen aufbauen. Zuunterst und zuinnerst liegt die Traumaempfindung, in der sich die organismische Angstreaktion ausdrückt. Diese wird dann von primären Gefühlsformen überlagert. Darüber bilden sich sekundäre Gefühle und noch weiter oben die Gedankenmustern.

Wir haben es hier mit einem Vorgang der Bottom-Up-Kontrolle zu tun: Im Grund steuert und kontrolliert das unverarbeitete Traumaerlebnis das Leben: Sekundäre Gefühle, die das Wiedererleben des Traumas verhindern sollen, sorgen für belastende Stimmungen und bewirken bedrückende Gedanken, die wiederum auf die Stimmungslage zurückwirken. Die Folge ist, dass die Freiheit der Lebensgestaltung, die Arbeits-, Liebes- und Genussfähigkeit nur mehr beschränkt zugänglich ist.

Das Denken und der Lebensfluss

Als Folge der Traumatisierung formiert sich mit Hilfe der sekundären Gefühle und der von ihnen gesteuerten Denkmuster das ängstliche und kontrollsüchtige Ego. Es leidet an seiner Zerrissenheit, die aus dem dissoziierten Abgeschnittensein von der inneren Lebendigkeit resultiert: Was eigentlich Leben bedeutet, wird nur erahnt und kann nicht mehr gespürt werden. Die Ahnung nährt alle Sehnsüchte und das Leiden an ihrer Unerreichbarkeit. Das Ego wird mit jeder Neuerfahrung der Traumatisierung in ähnlichen Situationen stärker und selbstbewusster. Es bildet Schlussfolgerungen, Konzepte über das Leben, die das Leben in der Zerrissenheit erleichtern sollen: Es ist alles schwierig, es gibt keine Hoffnung, es ist aussichtslos, es wird nie besser, das Leiden wird immer weiter bestehen usw.

Im Moment der Traumatisierung formiert sich das ängstliche und kontrollsüchtige Ego. Es leidet an seiner Zerrissenheit und verstärkt sie gleichzeitig mit jeder Neuerfahrung der Traumatisierung. Es bildet Schlussfolgerungen, Konzepte über das Leben, die das Leben in der Zerrissenheit erleichtern sollen: Es ist alles schwierig, es gibt keine Hoffnung, es ist aussichtslos, es wird nie besser, das Leiden wird immer weiter bestehen usw.
Solche trostlose Schlussfolgerungen können beim Wiedererleben der Traumaerfahrung auftauchen. Sie sind Produkte des Denkens, das sich in der Traumatisierung vom Lebensfluss abgespalten hat und mit seinen Mitteln versucht, die Kontrolle über die Wirklichkeit wieder zu erlangen. Allerdings ist diese Wirklichkeit, die dem Denken zugänglich ist, durch die Dissoziationserfahrung zerrissen. Sie kommt damit dem analytischen Modus des Denkens entgegen, das wir uns im Lauf der mittleren Kindheit zunehmend aneignen. Je mehr wir in diesen Modus hineinwachsen, desto weiter entfernen wir uns zusätzlich vom Erfahren des Fließens, und desto schwerer fällt es uns auch, dazu wieder zurückzufinden.

Doch kommt uns hier die Erfahrung des bewussten Atmens zu Hilfe, die uns den Zugang zur anderen Wirklichkeit öffnet. Wenn wir in der therapeutischen Arbeit auf die selbstschädigenden Schlussfolgerungen stoßen, die aus einer Traumaerfahrung stammen, dann können wir die bewusste Atemerfahrung zur Heilung nutzen. Wir können der Klientin mitteilen, dass diese Gedanken, so hartnäckig sie sein mögen, aus einer alten Erfahrung stammen und in der Gegenwart keinen Nutzen mehr haben. Sie kann diese Gedanken dem Fluss des Lebens, wie er im Atem erfahrbar ist, anvertrauen, der sie auf- und mit sich mitnimmt. Indem sie die alten selbstsabotierenden Sätze dem Fließen des Lebens überantwortet, wird Platz für neue, lebensstärkende Sätze, die die Heilung unterstützen.
 
Diese affirmativen Sätze kommen aus dem ganzheitlichen Denken und passen zur ganzheitlichen Wirklichkeitserfahrung, die sich immer dann einstellt, wenn die Hei-lung alter Wunden geglückt ist. Sie können in das Fließen des Atems aufgenommen und mit ihm verbunden werden. Damit schmiegt sich das Denken an den Lebensfluss und hilft dabei, dass wir uns sicher getragen fühlen und mit Vertrauen in die Zukunft weiterschreiten können. Das Ego kann einen Schritt zurücktreten und einer weiteren und offeneren Perspektive auf das Leben Platz geben.

Literatur:

Ehrmann W. (2011a) Die erste Zellteilung. In: ATMAN-Zeitung 3/11, Wien
Ehrmann W. (2011b)  Wissen zur Zellteilung:  In: ATMAN -Zeitung 4/11, Wien
Ehrmann W. (2012) Wie wir Erworbenes vererben. In: ATMAN -Zeitung 1/12, Wien
Grof S. (1987) Das Abenteuer der Selbstentdeckung. Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände. München: Kösel
Grof S. (2002) Die Psychologie der Zukunft. Erfahrungen der modernen Bewusst-seinsforschung. Edition Wettswil: Astroterra
Grof S. (2012) Healing Our Deepest Wounds. Newcastle: Stream of Experience Productions
Janov, A. (2012): Vorgeburtliches Bewusstsein. Das geheime Drehbuch, das unser Leben bestimmt. Berlin, München: Scorpio